Merkblatt zu den Coping-Beobachtungsbögen
Bewältigungsverhalten von Kindern bis zu 5 Jahren
Bei den Coping-Verhaltensbögen handelt es sich nicht um wissenschaftliche Fragebögen, die Verhalten schnell und treffsicher bewerten und nach validen Verfahren ausgewertet werden. Es geht auch nicht darum, Videos anzufertigen und anhand dieser das kindliche Verhalten einzuschätzen. Die Beobachtungsbögen sind vielmehr ein Instrument, das differenzierte Beobachtung anregen und den Blick auf die Bindung schulen kann.
Was sind Coping-Beobachtungsbögen?
Diese Materialien sind als Ergänzung der insgesamt 12 Interaktionsbögen entstanden, die das entwicklungsentsprechende Verhalten des Kindes in der Interaktion mit seinen Bezugspersonen beschreiben.
Sie enthalten detaillierte Beschreibungen vielfältigen Coping-Verhaltens des Kindes ab etwa 6 Wochen bis 5 Jahren. Es gibt für jedes Entwicklungsalter einen Bogen: für den Säugling, das mobile Baby, das Kleinkind und das Kind ab 4-5 Jahren. Im Unterschied zu den 12 Interaktionsbögen gibt es bei den Coping-Bögen keine dazugehörigen Verhaltens-Beschreibungen der 1. und 2. Bezugsperson. Die Ursachen für Coping können sehr unterschiedlich sein und liegen nicht immer am Verhalten der Bezugsperson (z.B. bei einer Krankheit und/oder plötzlichen Hospitalisierung der Bezugsperson).
Die Beobachtungsbögen enthalten gesammeltes Beobachtungsmaterial vieler Jahre aus unterschiedlichen Kontexten und entwicklungspsychologischer Literatur. Sie befinden sich noch in Arbeit und profitieren von den Rückmeldungen derer, die sie verwenden.
Coping-Konzept nach dem Zürcher Modell
Die Beobachtungsbögen stehen auf der Grundlage des Zürcher Modells von Norbert Bischof, das 2011 mit dem Bowlby-Ainsworth-Award für die Erweiterung der klassischen Bindungstheorie ausgezeichnet wurde: https://www.centermhp.org/2011-awardees.
Die Differenzierung flexiblen Nähe-Distanz-Verhaltens vom Bewältigungsverhalten (Coping) wie es das "Zürcher Modell" vorsieht, ist aus unserer Erfahrung praktikabler und konkreter als die Unterscheidung in "sichere" und "unsichere" Bindungsmuster. Durch die Unterscheidung von entwicklungsentsprechendem und Coping-Verhalten bleibt transparent, welche Bedürfnisse das Kind hat und welche Fähigkeiten es ausspielen kann, um sich verständlich zu machen und die Bindung mit der Bezugsperson in einem jahrelangen Prozess mit aufzubauen.
Struktur der Beobachtungsbögen für das Bewältigungsverhalten
- Soziale Fähigkeit des Kindes: was es mitbringt, um Bindung zu initiieren und stärken
- Entwicklungsaufgabe innerhalb der Bindung beim Baby, bzw. Zeichen der Bindung beim Kleinkind und 4-5 jährigen Kind: woran man erkennt, dass sich eine verlässliche Bindung entwickelt
- Äußeres Coping: angeborenes Verhalten des Kindes, um die Umwelt zu verändern, wenn Ausdrucksverhalten und Gefühle des Kindes nicht angemessen beantwortet werden (können)
- Supplikation: Appell an Stärkere bei zu wenig/zu viel an Sicherheit und an Erregung, bei zu wenig an Autonomie
- Aggression: heftiges Verhalten bei zu wenig/zu viel an Sicherheit und an Erregung oder bei zu wenig an Autonomie
- Invention: selbstregulatives Verhalten bei zu wenig/zu viel an Sicherheit und an Erregung oder bei zu wenig an Autonomie
- Übergangsverhalten vom Äußeren zum Inneren Coping (Ausdruck der Gefahr, den Kontakt zur Bezugsperson und damit auch zu sich selbst zu verlieren) oder umgekehrt vom Inneren zum Äußeren Coping (z. B. nach einer Trennung wieder erste Schritte hin zum Kontakt zur Bezugsperson)
- Inneres Coping: das Kind "verändert sich selbst", wenn Bedürfnisse trotz bettelndem, aggressivem und einfallsreichem Verhalten nicht befriedigt werden
- Akklimatisation: Veränderung der Bedürfnisse bei schwerwiegendem Mangel an Geborgenheit, bei fehlender – dem Entwicklungsstand entsprechender - Anregung oder Selbstwirksamkeit und/oder dauerhafter emotionaler Überbehütung, Überreizung oder Überlastung
- Revision: Veränderung der Wahrnehmung bei schwerwiegendem Mangel an Geborgenheit, bei fehlender – dem Entwicklungsstand entsprechender - Anregung oder Selbstwirksamkeit und/oder dauerhafter Überbehütung, Überreizung oder Überlastung
Was ist der Zweck der Beobachtungsbögen?
Die Beobachtungsbögen dienen dazu, frühkindliches Bewältigungsverhalten leichter wahrnehmen, beschreiben, benennen und einordnen zu können. Anhand der Bögen kann klar werden, ob sich das Kind noch/schon in großer Not befindet oder es schon/noch ausreichend Ressourcen zur Verfügung hat.
Die konkreten Beschreibungen geben in umgekehrter Reihenfolge nach einer In-Pflege-Nahme oder Adoption quasi den "Fahrplan" für den Bindungsaufbau vor: die Schritte vom Inneren Coping führen über das Übergangsverhalten zum Äußeren Coping zum entwicklungsentsprechenden Verhalten zurück.
Für wen sind die Beobachtungsbögen?
Sie sind ausschließlich für die praktische Arbeit der Absolvent*innen von "Bindung und Autonomie – Die Kunst der Verhaltensbeobachtung" (Seminarreihe, insgesamt 12 Tage) gedacht.
In welchem Kontext sind sie zu verwenden?
Die Coping-Bögen sind für die Unterstützung von Bezugspersonen beim Bindungsaufbau, bei der Wiedervereinigung nach einer Trennung als auch zur Orientierung vor einer möglichen Kindesabnahme und Fremdunterbringung zu verwenden.
Wie kann damit gearbeitet werden?
Der Arbeit mit den Coping-Bögen sollte ausreichend zeitintensive und bewertungsfreie Beobachtung vorausgehen, so dass eine Einordnung möglich ist. Die Fachperson soll sie dazu verwenden, für sich das Kindeswohl zu reflektieren und im Hinblick die Bindungsentwicklung einzuschätzen. Durch den Fokus auf das beobachtbare Verhalten rund um frühkindliche Fähigkeiten und Bedürfnisse können konkrete Informations- und Handlungsoptionen für die ambulante Begleitung entstehen.
